Frauenstimmen

Mit Kompositionen aus Ost und West werden hier starke Stimmen von sechs Komponistinnen aus gegensätzlichen Kulturen vereinigt. Die Musik spannt einen weiten Bogen von der Romantik über den Impressionismus und Neoklassizismus bis zur Gegenwart. Bildhafte Eindrücke wechseln mit absoluter Musik ab, strenge Sonatenform mit freien Gebilden voll delikater Klangpoesie.


Das von Beethoven, Brahms, Bruckner, Bartók und weiteren B-Komponisten dominierte Standardrepertoire des 19. und 20. Jahrhunderts wird immer mehr von lange vergessenen oder unterdrückten Werken aufgefrischt, die von Komponistinnen mit demselben Anfangsbuchstaben stammen: Grażyna Bacewicz, Agathe Backer-Grøndahl, Elsa Barraine, Amy Marcy Beach, Sylvie Bodorová, Mel Bonis, Henriëtte Bosmans, Lili und Nadia Boulanger und Joanna Bruzdowicz.


Durch ihr tragisches Schicksal miteinander verbunden sind Lili Boulanger und Vítězslava Kaprálová, starben beide doch mit nur 24 Jahren.

Als Tochter des Janáček-Meisterschülers Václav Kaprál in Brno (Brünn) zur Welt gekommen, fiel Vítězslava Kaprálová (1915-1940) als musikalisches Wunderkind auf. Fünfjährig hatte sie ersten Klavierunterricht genossen, mit neun Jahren begann sie zu komponieren. Am Prager Konservatorium beim Dvořák-Schüler Vítězslav Novák (Komposition) und bei Václav Talich (Dirigieren) ausgebildet, lebte sie seit 1937 in Paris, wo sie abschliessende Kompositionsstudien bei Bohuslav Martinů betrieb. Einen durchschlagenden Erfolg erzielte sie 1938 mit der selbst dirigierten Aufführung ihrer Sinfonietta militare am 16. Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in London. Ihr schöpferischer Leitspruch lautete „Ich will es den Männern zeigen!“. Von zwei geplanten Ritornellen konnte sie im Todesjahr nur das hier vorliegende vollenden, das vor Frauenpower strotzt.


Schon mit fünfundzwanzig Jahren als Komponistin verstummt, schuf sich die in Paris geborene und gestorbene Nadia Juliette Boulanger (1887-1979) nur als Kompositionslehrerin einen Namen. Von den Trois Morceaux sind die ersten beiden aus früheren Orgelstücken hervorgegangen, das dritte ist eine mit Hispanismen angereicherte Originalkomposition.

Als erste Gewinnerin des legendären Grand Prix de Rome wurde die Pariserin Marie-Juliette Olga Lili Boulanger (1893-1918) über Nacht berühmt. Schon als Kind häufig erkrankt, starb sie zehn Tage vor dem Tod ihres Vorbildes Debussy am 15. März 1918. Die stimmungs- und ausdrucksvollen Szenen D‘un vieux jardin und D‘un jardin clair und den Cortège brachte die mit der Kantate Faust et Hélène ausgezeichnete Komponistin 1914 in Rom zu Papier. Kühne harmonische Rückungen fallen im ersten Stück auf, Debussy-Einflüsse in den beiden folgenden.


Henriëtte Hilda Bosmans (1895-1952) kam in Amsterdam zur Welt, wo sie am Konservatorium und privat beim Komponisten Willem Pijper studierte. Von ihr stammen nebst zahlreichen Liedern auf französische Texte mehrere Konzertstücke, ein Streichquartett und die 1919 komponierte Sonate in a-Moll für Violoncello und Klavier. Wuchtige Akkordschläge zu Beginn des majestätischen Kopfsatzes und in den Schlussstakten des vierten Satzes bilden einen zyklischen Zusammenhang.


Felix Mendelssohn Bartholdys Schwester Fanny Caecilia Hensel-Mendelssohn (1805-1847) wurde in Hamburg geboren, heiratete 1829 den Maler Wilhelm Hensel und starb in Leipzig. Der aus 12 Charakterstücken bestehende Zyklus Das Jahr von 1841 entstand als Echo auf eine Italienreise. Der Geist eines Liedes ohne Worte durchweht das Frühlingslied „Mai“. Im „Juli“ spitzt sich der Mittelteil dramatisch zu, tiefe Tremoli klingen unheilvoll und bilden den grössten Kontrast zu den melancholischen Empfindungen im „September. Am Flusse“. Im „November“ setzt „appassionato“ ein Novembersturm ein.


Stephanie Haensler wurde 1986 in Baden geboren und studierte an der Zürcher Hochschule der Künste bei Robert Zimansky (Violine) und Isabel Mundry (Komposition). Ihre Komposition „ni dónde, ni cómo“, das auf einem gegen Gewalt an Frauen protestierenden Text eines chilenischen Künstlerinnen-Kollektivs basiert, schrieb sie im Auftrag von Kathrin Schmidlin und Anna Fortova zum fünfzigjährigen Jubiläum des Schweizer Frauenstimmrechts 2021. Die Komponistin geht darin den Fragen nach, wo die Freiheit beginnt und was es heisst, eine Stimme und das Recht zu haben, sich zu äussern und mitbestimmen zu dürfen.

Die vielen differenzierten Ausdrucksbezeichnun­gen und Spielanweisungen bringen die Stimmen unterdrückter und missbrauchter Frauen mit feinsten emotionalen Abstufungen zum Aus­druck. Im gründlichen Ausloten von Klang und Geräusch beweist die gesellschaftlich engagierte Musikerin ihre kompositorisch brillante Meister­schaft.


Walter Labhart

 

Frauenstimmen

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©2020 Kathrin Schmidlin. Photos by Viktor Friesen